Nina Horstmann

'Neben Dystopien, muss es auch Erzählungen aller Art und Form geben, die uns eine positive Zukunft vorstellen lassen. ' (Nina Horstmann)

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Nina Horstmann is coordinator of the Hybrid Platform, a cross-disciplinary platform by Universität der Künste (UdK) Berlin and Technische Universität (TU) Berlin that serves the exchange between art, science and technology. She holds a Master of Science (MSc) in Business Strategy and Environment (Birkbeck, U. of London), and a Magister Artium in History of Art and Classical Archaeology (Humboldt-Universität zu Berlin).

In 2019, Nina co-curated and edited “Hybrid Encounters in the arts and sciences. A dialogue.”, a publication and pilot project where artists, scientists and experts investigated future-oriented topics and issues. She also published works dealing with sustainability and climate change (Unfold: A Cultural Response to Climate Change, Earth: Art of a changing world), and recently conducted a live panel on the topic of “fruitful misunderstandings. Art+Science (Im)possibilities”.

MADELEINE SCHWINGE:

Kann Kunst und Kultur gesellschaftlichen Wandel fördern, und welche Rolle könnten dabei insbesondere Künstler*innen und ihr Werk einnehmen? Könnte man sogar von einer führenden Rolle sprechen?

NINA HORSTMANN: 

Gesellschaftlicher Wandel muss aus vielen unterschiedlichen Richtungen angegangen werden. Die Debatte sollte sich hierbei weniger darum drehen, welches die eine führende Rolle ist; sondern darum, wie man gemeinschaftlich und ergänzend agieren und Erfolge erzielen kann. Kunst und Kultur können und sollten hierbei eine entscheidende Rolle einnehmen. Ihr Wirken kann auf vielen Ebenen ansetzen, um ein Umdenken zu ermöglichen, um Wandel anzuregen und auch, um mögliche Zukünfte begreifbar zu machen. Die Liste der Themen, die angegangen werden müssen, ist lang (Klimawandel steht bei mir ganz weit oben, doch verquicken sich unter diesem Begriff ja viele Themen und Entwicklungen), und die Lösungsansätze sind vielschichtig. Eine sogenannte „golden bullet“, d.h. eine einzige Lösung für alles, wird es nicht geben. Die Zukunft ähnelt einem Kaleidoskop in dem viele unterschiedliche und sich stets wandelnde Muster zu erkennen sind. Die Künste haben hier ihre Rolle: sie helfen, diese Muster zu imaginieren, durch Worte oder Bilder, durch das Evozieren von Emotionen, etc. Sie ändern unsere Vorstellungen, erweitern unsere Wahrnehmungsebenen – und treiben so einen (Kultur-) Wandel voran und bieten eine Grundlage, auf der wir uns weiterentwickeln können.

MS:

Angesichts der radikalen Veränderungen und Krisen, die unsere Epoche prägen, dürfen wir es da überhaupt wagen, auf eine bessere Zukunft zu hoffen? Und welche Wirkkraft könnte ‚Erzählung’ für die aktive Gestaltung von Zukunft entfalten?

NH:

Ist nicht eher die Frage, ob wir zu hoffen wagen sollten? Für mich hat „Hoffnung“ etwas Passives, doch was es braucht, sind sofortige Änderungen. Wir alle müssen aktiv mitwirken an dieser neuen Gestaltung unseres Alltags und unserer Umwelt, sofern wir die berechtigte Aussicht auf eine gute Zukunft haben wollen. Doch zumindest dies sollte das Ziel sein, und um sich das vorstellen zu können, braucht es neue Narrative. Neben Dystopien, die uns Einblicke in nicht begehrenswerte Szenarien geben, muss es auch Erzählungen aller Art und Form geben, die uns eine positive Zukunft vorstellen lassen. Sie müssen über Wissenschaftsberichte und ein rein rationales Verstehen hinausgehen, sie müssen uns berühren. Dazu braucht es kreative Ansätze. Film, Musik, Bildende Kunst, Literatur, etc. können neue Perspektiven eröffnen oder einen Impuls geben, der bei einem selbst nachhallt und anregt.

MS:

Welche Impulse könnten aus einem transdiziplinären Dialog zwischen Kunst, Kultur und anderen Fachgebieten hervorgehen? Welche Expert*innen und Diszipinen könnten für deine/ Ihre Arbeit fruchtbar sein?

NH:

Gerade bei der Auseinandersetzung mit vielschichtigen Problemen, die sich durch eine Verwicklung von Herausforderungen aus unterschiedlichen Teilbereichen der Gesellschaft auszeichnen, können Wissenschaft und Kunst gut zueinander finden. Ich selbst habe lange Zeit Projekte, Ausstellungen, Events und mehr an der Schnittstelle von Kunst und Klimawandel betreut und fand dabei besonders hervorstechend, wie durch die Künste das Thema von einer intellektuellen Herausforderung zu einem emotional besetzen Verlangen nach Änderung gewandelt werden kann.

Anders ist mein Arbeitsschwerpunkt an der Universität, wo es im transdisziplinären Dialog darum geht, durch wechselseitigen Transfer die gegenseitige Integration von Wissen und Erfahrungen zu ermöglichen, neue Wissenskulturen entstehen zu lassen und Synergien zwischen den Disziplinen anzutreiben. Insbesondere die Aspekte der Selbstreflexion, Dissonanz und Irritation sowie der Kommunikation vermögen in diesem Kontext entscheidende produktive Momente der Zusammenarbeit hervorbringen. Kunst und ihre Akteure können in den Austausch ergänzende Erkenntnis- und Erfahrungsebenen einbringen und zur Entwicklung spezifischer Methoden beitragen.

Die Gemeinsamkeit meiner diversen Erfahrungen an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft ist, dass aus jeder Form des Austauschs Überraschendes entstehen kann. Eine Eingrenzung auf spezifische ExpertInnen und Disziplinen ist für mich nicht erstrebenswert oder notwendig. Viel wichtiger als die inhaltliche Expertise ist für einen fruchtbaren Dialog Offenheit und gegenseitiges Interesse!

MS:

Angenommen es gelänge, eine bessere Welt auf den Ruinen der alten aufzubauen - wie könnte diese neue Welt deiner/ Ihrer Meinung nach aussehen? Was wünscht du dir/ wünschen Sie sich persönlich für ein besseres morgen?

NH:

Hat irgendjemand darauf eine Antwort? Utopien haben ja auch ihre Gefahren, da auch sie in ihren guten Intentionen negative Nebeneffekte produzieren können... Und eine Gesellschaft braucht auch die Dissonanzen, die eine Zusammenarbeit mit unterschiedlichen AkteurInnen so herausfordernd, aber auch so lohnend machen kann.

Doch in jedem Fall sollte die Zukunft mehr Raum, Zeit und Relevanz für wirtschaftlich „Unproduktives“ erlauben. Losgelöst von dem Zwang, etwas „Sinnvolles“ zu produzieren, würden bestimmt überraschende Dinge entstehen, die ein spielerischeres Dasein erwachsen lassen könnten. Kurzum, ein besseres morgen bringt auf jeden Fall auch mehr Kunst und Kreativität hervor!   

 

 

MS:

Es wird oft gesagt, eine besondere Fähigkeit von Künstler*innen und Kreativen sei es, unerschrocken Neues zu wagen und immer wieder auf einem weißen Stück Papier ganz von vorne zu beginnen. Welche Strategien oder Rituale nutzt du/ nutzen SIe persönlich, um mit einem neuen Projekt zu beginnen?

NH:

Da sieht man, dass ich keine Künstlerin bin: Bei mir startet ein neues Projekt meist auf der Grundlage von vergangenen Projekten, aktuellen Themen oder interessanten Verbindungen, die weitergedacht und -entwickelt werden. Das Neue entsteht vielmehr im Prozess und im Dialog mit Anderen, als ganz zu Beginn, allein mit einem leeren Blatt..

The interview was conducted in May 2021

https://www.hybrid-plattform.org/

en

 

Nina Horstmann is coordinator of the Hybrid Platform, a cross-disciplinary platform by Universität der Künste (UdK) Berlin and Technische Universität (TU) Berlin that serves the exchange between art, science and technology. She holds a Master of Science (MSc) in Business Strategy and Environment (Birkbeck, U. of London), and a Magister Artium in History of Art and Classical Archaeology (Humboldt-Universität zu Berlin).

In 2019, Nina co-curated and edited “Hybrid Encounters in the arts and sciences. A dialogue.”, a publication and pilot project where artists, scientists and experts investigated future-oriented topics and issues. She also published works dealing with sustainability and climate change (Unfold: A Cultural Response to Climate Change, Earth: Art of a changing world), and recently conducted a live panel on the topic of “fruitful misunderstandings. Art+Science (Im)possibilities”.

MADELEINE SCHWINGE:

Can art and culture promote social change, and what role could artists and their work in particular play in this? Could one even speak of a leading role?

NINA HORSTMANN: 

Social change needs to be approached from many different directions. The debate should be less about which is the one leading role; but about how to act collaboratively and complementarily and achieve success. Arts and culture can and should play a crucial role in this. They can work on many levels to enable rethinking, to stimulate change and also to make possible futures tangible. The list of issues that need to be addressed is long (climate change is high on my list, but many issues and developments are intertwined under this term), and the solutions are complex. There will not be a so-called "golden bullet", i.e. a single solution for everything. The future resembles a kaleidoscope in which many different and ever-changing patterns can be recognised. The arts have their role here: they help to imagine these patterns, through words or images, by evoking emotions, etc. They change our imaginations, expand our perceptions. They change our ideas, expand our levels of perception - and thus drive (cultural) change and provide a basis on which we can evolve. 

MS:

In view of the radical changes and crises that characterise our epoch, can we even dare to hope for a better future? And what effect could 'narrative' have on the active shaping of the future?

NH:

Is it not rather a question of whether we should dare to hope? For me, 'hope' has something passive about it, but what it needs is immediate change. We all have to actively participate in this new shaping of our everyday life and our environment, if we want to have the legitimate prospect of a good future. But at least this should be the goal, and to be able to imagine it, new narratives are needed. In addition to dystopias that give us glimpses of undesirable scenarios, there must also be narratives of all kinds and forms that allow us to imagine a positive future. They must go beyond science reports and a purely rational understanding, they must touch us. This requires creative approaches. Film, music, visual arts, literature, etc. can open up new perspectives or give an impulse that resonates and stimulates oneself. 

MS:

What impulses could emerge from a transdisciplinary dialogue between art, culture and other disciplines? Which experts and disciplines could be fruitful for your work?

NH:

Especially when dealing with multi-layered problems that are characterised by an entanglement of challenges from different parts of society, science and art can find a good match. I myself have been involved in projects, exhibitions, events and more at the interface of art and climate change for a long time and found it particularly striking how the arts can transform the issue from an intellectual challenge to an emotionally charged desire for change. 

My work at the university is different, where the transdisciplinary dialogue is about enabling the mutual integration of knowledge and experience through reciprocal transfer, allowing new cultures of knowledge to emerge and driving synergies between disciplines. In particular, the aspects of self-reflection, dissonance and irritation as well as communication are capable of producing decisive productive moments of cooperation in this context. Art and its actors can bring complementary levels of knowledge and experience to the exchange and contribute to the development of specific methods. 

The commonality of my diverse experiences at the interface of art and science is that surprising things can emerge from any form of exchange. For me, narrowing down to specific experts and disciplines is not desirable or necessary. Much more important for a fruitful dialogue than expertise in content is openness and mutual interest! 

MS:

Assuming that a better world could be built on the ruins of the old one - what do you think this new world could look like? What do you personally wish/desire for a better tomorrow?

NH:

Does anyone have an answer to this? Utopias also have their dangers, since their good intentions can also produce negative side effects... And a society also needs the dissonances that can make cooperation with different actors so challenging, but also so rewarding. 

But in any case, the future should allow more space, time and relevance for the economically "unproductive". Freed from the compulsion to produce something "meaningful", surprising things would surely emerge that could allow a more playful existence to grow. In short, a better tomorrow will definitely produce more art and creativity!   

 

 

MS:

It is often said that a special ability of artists and creatives is to fearlessly dare to do something new and to always start from scratch on a blank piece of paper. What strategies or rituals do you personally use to start a new project?

NH:

You can see that I am not an artist: For me, a new project usually starts on the basis of past projects, current themes or interesting connections that are thought about and developed further. The new emerges much more in the process and in dialogue with others than at the very beginning, alone with a blank sheet of paper.... 

The interview was conducted in May 2021.

https://www.hybrid-plattform.org/