Peggy Schoenegge

'Kunst verfügt über die Fähigkeit, mittels ihrer Werke Bezüge zu anderen Fachbereichen herzustellen und sie zu reflektieren, kontextualisieren und zu visualisieren'(Peggy Schoenegge)

Peggy Schoenegge
Peggy Schoenegge

press to zoom
Peggy Schoenegge
Peggy Schoenegge

ExhibitionView_SpeculativeSpecies_BiancaKennedySwanCollective+©PeggySchoenegge

press to zoom
Peggy Schoenegge-2018
Peggy Schoenegge-2018

ExhibitionView_PendoranVinci_atNRW Forum_2018_photo_c_Jonas+Blume-3

press to zoom
Peggy Schoenegge
Peggy Schoenegge

press to zoom
1/4

Peggy Schoenegge is an independent curator, writer and project manager at peer to space, an independent exhibition platform established in Munich in 2010 and now based in Berlin. As part of the team of curators (under the direction of Tina Sauerlaender) she contributed to international group exhibitions in cooperation with institutions and museums such as Parsons / The New School, New York, the House of Electronic Arts Basel, or the NRW Forum, Düsseldorf. 

She holds a B.A. and M.A. in Art History (Humboldt-University Berlin, Technical University Berlin). Her work deals with the conditions of digitalisation and its effects on society and culture. She addresses gender, performance, and AI by curating digital art, internet art and art with new media such as VR or AR. She gives lectures and participates in panel discussions such as VRHAM! Virtual Reality & Arts Festival, WISE Conference, and the Goethe-Institute. She teaches Expended Reality at University of Applied Sciences, Darmstadt.

MADELEINE SCHWINGE:

Kann Kunst und Kultur gesellschaftlichen Wandel fördern und welche Rolle könnten dabei insbesondere Künstler*innen und ihr Werk einnehmen? Könnte man sogar von einer führenden Rolle sprechen?

PEGGY SCHOENEGGE: 

Kunst setzt sich seit je her mit den Themen ihrer Zeit auseinander und erzeugt ein Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft, Kultur und Wirklichkeit. Künstler*innen zeigen in ihren Werken auf unterschiedliche Art und Weise Bedingungen, Probleme und Entwicklungen, die wichtige (Zukunfts-)Themen und Fragestellungen aufwerfen. Die Künstlerin Charlie Stein zum Beispiel befasst sich in ihren Portraits humanoider Roboter mit der Technologisierung unseres Alltags. Bianca Kennedy & The Swan Collective behandeln in ihrer VR-Arbeit Animalia Sum die Frage, wie sich Ernährung im Zeitalter des Anthropozäns weiterentwickeln könnte. Die Künstlerin Manja Ebert macht in ihrer interaktiven Installation I’ll be there die Technologie der Algorithmen für die Betrachter*innen unmittelbar greifbar.

Kunst schafft einen Zugang zu den Belangen und Herausforderungen unserer Gegenwart und öffnet Räume der Auseinandersetzung und Diskussion. Das Werk als künstlerische Reflexion visualisiert unterschiedliche Aspekte, mit denen wir als Betrachter*innen konfrontiert werden. In dieser Konfrontation und Bewusstwerdung hat Kunst das Potenzial gesellschaftlichen Wandel zu evozieren.

MS:

Angesichts der radikalen Veränderungen und Krisen, die unsere Epoche prägen, dürfen wir es da überhaupt wagen, auf eine bessere Zukunft zu hoffen? Und welche Wirkkraft könnte ‚Erzählung’ für die aktive Gestaltung von Zukunft entfalten?

PS:

Veränderungen sind immer an den Entscheidungen und Handlungen des Einzelnen und der Gesellschaft gebunden. Sie können bereits in den kleinsten Bereichen umgesetzt und eben dort sichtbar werden. Das setzt natürlich eine aktive Teilhabe am Prozess voraus, um sie nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Ich denke, dass dieser Ansatz sehr wichtig für die Bedeutung des einzelnen innerhalb einer Gesellschaft ist. Dementsprechend liegt es an uns, welche Form unsere Zukunft annehmen und inwiefern sie eine Bessere darstellen wird.

Erzählungen – in welcher Form auch immer – helfen, aus der Vergangenheit Lehren zu ziehen, das Gegenwärtige zu reflektieren und neue Zukunftsbilder zu schaffen. Sie vermitteln Werte und Normen, die unser Verständnis von Gesellschaft prägen und bestimmen. Erzählungen schaffen verschiedenste Visionen und Perspektiven, die zum einen das Empathievermögen stärken und über die zum anderen potenzielle Herausforderungen und Möglichkeiten ersichtlich werden. Gleichzeitig regen sie die Fantasie an und lassen das Unmögliche möglich erscheinen, wodurch sich der Raum einer freien Gedankenwelt öffnet. So helfen Erzählungen uns dabei, ein Bewusstsein für unsere Lebenswirklichkeit zu entwickeln, ihre Komplexität zu verstehen und neue Idealvorstellung zu formen.

 

MS:

Welche Impulse könnten aus einem transdiziplinären Dialog zwischen Kunst, Kultur und anderen Fachgebieten hervorgehen, die die Kraft hätten, gesellschaftlichen Wandel zu fördern? Welche Expert*innen und Diszipinen könnten für deine/ Ihre Arbeit fruchtbar sein?

PS:

Medien ist meine Arbeit bereits transdisziplinär angelegt. Über die Kunst selbst eröffnen sich unterschiedliche Themenbereiche, die neben den kunstwissenschaftlichen Ansätzen unter anderem kulturtheoretischen oder soziologischen Fachgebieten zugeordnet werden können. Zudem erfordert der Umgang mit Medien wie VR oder AR eine technologische Auseinandersetzung in ihrer Beschaffenheit und Funktionsweise sowie gesellschaftlichen Bedeutung.

Kunst verfügt über die Fähigkeit, mittels ihrer Werke Bezüge zu anderen Fachbereichen herzustellen und sie zu reflektieren, kontextualisieren und zu visualisieren. Im Rahmen von Ausstellungen wird über die Arbeiten ein breiter Diskurs möglich. Diese künstlerischen Verweise schaffen transdisziplinäre Zugänge, die den Wissens- und Erfahrungsschatz der Betrachter*innen erweitern können.

 

 

MS:

Angenommen es gelänge, eine bessere Welt auf den Ruinen der alten aufzubauen - wie könnte diese neue Welt deiner/ Ihrer Meinung nach aussehen? Was wünscht du dir/ wünschen Sie sich persönlich für ein besseres Morgen?

PS:

Ich würde mir eine Welt wünschen, in der eine Vielfalt von Meinung und Lebensentwürfen existiert und toleriert wird. Es wäre eine Welt, in der Andersartigkeit nicht als etwas Trennendes, sondern Bereicherndes wahrgenommen werden würde. Letztlich ist es das Andere, das Fremde, das Neue von dem wir etwas lernen können und wodurch sich unser eigener Horizont erweitert. Damit einher gehen das Verständnis und das Bewusstsein einer Komplexität unserer Welt, die sich nicht auf ein reines Schwarz-Weiß-Denken reduzieren lassen. Ich habe die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten immer als etwas Wertvolles wahrgenommen, weil es den Erfahrungsschatz bereichert und neue Perspektiven ermöglicht.

Darüber hinaus wünsche ich mir eine Welt, in der der Wert von Kunst und Kultur jedem bewusst ist und dementsprechend einen höheren Stellenwert hat. Trotz ihrer gesellschaftlichen Relevanz ist die Lebenssituation von Künstler*innen und Kulturschaffenden zu großen Teilen prekär. Dabei ist dieser Bereich so wichtig, wenn es darum geht, unsere Welt zu verstehen und Zukunftsvisionen zu entwickeln. Wie bereits oben dargestellt, verweist Kunst als Spiegel unserer Zeit auf die relevanten Themen und Fragen und besitzt die Fähigkeit Wandel herbeizuführen und Visionen zu entwickeln.

 

 

MS:

Es wird oft gesagt, eine besondere Fähigkeit von Künstler*innen und Kreativen sei es, unerschrocken Neues zu wagen und immer wieder auf einem weißen Stück Papier ganz von vorne zu beginnen. Welche Strategien oder Rituale nutzt du/ nutzen SIe persönlich, um mit einem neuen Projekt zu beginnen?

PS:

Das Schöne an meinem Beruf ist es, sich immer wieder neuen Themenbereichen widmen und neue Perspektiven einnehmen zu können. In der Auseinandersetzung mit dem (post)digitalen Zeitalter befasse ich mich im Rahmen internationaler Gruppenausstellungen mit den Entwicklungen, Bedingungen und Herausforderungen.

Dabei schaffe ich sowohl physische als auch virtuelle Erfahrungsräume, die zugleich eine bewusste Interaktion mit den Medien selbst evozieren. Die Ausstellung PENDORAN VINCI. Kunst und künstliche Intelligenz heute betrachtete beispielsweise, wie Künstler*innen mit künstlicher Intelligenz (KI) arbeiten. Ihre Werke verdeutlichten Potenziale und Beschränkungen der KIs, sodass im Rahmen der Ausstellung ein realistisches Bild und Verständnis der Technologie entstand. In der Ausstellung PORTRAIT OF A FUTURE, die Teil der Ausstellungsreihe ONE TO ONE und in Kooperation zwischen der Galerie PRISKA PASQUER und peer to space realisiert wurde, erprobte ich zusammen mit der Künstlerin Charlie Stein den virtuellen Raum als Ausstellungsort. Ihre physischen Malereien wurden ins Digitale übersetzt und erfuhren dort einen anderen Wirkungsraum.

Als Kuratorin sind eine entsprechende Offenheit und Neugierde wichtig, die ich allerdings weniger als Ritual oder Strategie, sondern als Antrieb und Eigenschaft beschreiben würde. Dafür ist es wichtig, sich regelmäßig aus seiner Komfortzone zu begeben, den eigenen Vorurteilen bewusst zu werden und seine Arbeit stets kritisch zu hinterfragen, um sich weiter entwickeln zu können.

The interview was conducted in May 2021

http://www.peertospace.eu/peggy