Stella Geppert

'Artistic creation is to practice tolerance of ambiguity without losing hope' (Stella Geppert)

Stella Geppert, Communications Captures, 2019
Stella Geppert, Communications Captures, 2019

Photo: T. Nowitzki

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Stella Geppert, InsideT, 2020
Stella Geppert, InsideT, 2020

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Stella Geppert, LA CONSTITUTION, 2020
Stella Geppert, LA CONSTITUTION, 2020

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Stella Geppert, Communications Captures, 2019
Stella Geppert, Communications Captures, 2019

Photo: T. Nowitzki

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Die sensuelle Fähigkeit des Körpers, sich in den Raum und in den jeweiligen Körper, in das Material, den Stoff und die Substanz „hineindenken“ zu können, ist ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit, in der Stella Geppert Bildhauerei, Zeichnung, Performances und Interventionen im öffentlichen Raum verbindet. Körpertechniken, die mit der Intelligenz des Körpers arbeiten verschränkt sie mit kommunikativen Prozessen. Sie lehrt bildhauerische und raumbezogene künstlerische Praxis an der University of Art and Design in Halle (Saale). Derzeit forscht sie zum Empathischen in der Kunst im Rahmen von „Routes Of Empathy“.

MADELEINE SCHWINGE:

Kann Kunst und Kultur gesellschaftlichen Wandel fördern und welche Rolle könnten dabei insbesondere Künstler:innen und ihr Werk einnehmen? Könnte man sogar von einer führenden Rolle sprechen?

STELLA GEPPERT:

Ja, Kunst und Kultur kann gesellschaftlichen Wandel fördern, es hängt aber ganz von dem Bewusstsein aller Beteiligten ab. Kunst und Kultur sind wie Planeten im Weltall, in denen verschiedene Substanzen einander ringen in Form gebracht zu werden.

Kunst ist ein Ausdruckinstrumentarium mit erhöhtem Bewusstsein für gesellschaftliche Zusammenhänge existentieller Art. Als Kunstschaffende sehe ich mich in der Verantwortung mit dieser künstlerischen Kraft behutsam und verantwortungsvoll umzugehen. Als Künstlerin teile ich mit. Ich teile. Teilen geht nicht allein und macht nur Sinn, wenn andere auch teilhaben. Wenn es dem Kunstwerk oder der Performance gelingt einen erweiterten Blick und kollektives Gefühl zu initiieren, dann entsteht so etwas wie eine Art Umlaufbahn, an die wir immer wieder andocken können. Sie erzählt mir von der dringlichen Notwendigkeit des Ausdrucks des Lebens in seiner Zeit. Jedem Ausdruck folgt ein Eindruck. Im schönsten Fall ohne Namen und einfach durch eine sinnliche Prägung und ein Gefühl auf unmittelbarer Art und Weise.

Ich würde der Kunst und dem Kunstwerk ungern eine führende Rolle zuweisen, sondern sie als ein zu Formendes immer wieder begreifen wollen, dass über anteilnehmendes Bewusstsein und durch sich Hineinversetzen in Etwas nach Verkörperung drängt. Diese kollektiv erfahrbare Verkörperung in dem Erleben von Kunst fördern einen Wandel. Es gibt eine Intelligenz der Wahrnehmung von Kunst fern ab gängiger Rezeptions-, Repräsentations- und Vermarktungsmechanismen.

 

 

MS:

Angesichts der radikalen Veränderungen und Krisen, die unsere Epoche prägen, dürfen wir es da überhaupt wagen, auf eine bessere Zukunft zu hoffen? Und welche Wirkkraft könnte ‚Erzählung’ für die aktive Gestaltung von Zukunft entfalten?

SG:

Wir leben in einer extrem dringlichen Zeit zu handeln, und müssen an jene denke, die nach uns auf dem Planeten leben werden.

Ich finde es ist eine Qualität künstlerischen Schaffens gerade den Mut zu haben sich immer wieder aufzubäumen und sich in Ambiguitätstoleranz zu üben, ohne die Hoffnung zu verlieren. Darin liegt die Fähigkeit „Zurück und Vorwärts“ zu gleich blicken zu können, im Konkreten als auch im übertragenden Sinne. Letztlich ist „Zukunft“ ein „schon immer Jetzt“, das von der empathischen Fähigkeit getragen wird, weit in die Vergangenheit vorausschauen zu können. Innerhalb dieser flirrenden Schwingung zwischen den Zeiten entspringt ein Narrativ das nur kollektiv entschlüsselt werden kann.

MS:

Welche Impulse könnten aus einem transdiziplinären Dialog zwischen Kunst, Kultur und anderen Fachgebieten hervorgehen, die die Kraft hätten, gesellschaftlichen Wandel zu fördern? Welche Expert:innen und Disziplinen könnten für deine Arbeit fruchtbar sein?

SG:

Einen wirklichen Sprung in der Verknüpfung von Wissenschaften und Kulturen würden wir machen, wenn wir weiter Wissenshierarchien und Wertschöpfungsketten abbauen. Astronaut*in, Archäolog*in, Physiker*in, Meeresbiolog*in.

MS:

Angenommen es gelänge, eine bessere Welt auf den Ruinen der alten aufzubauen - wie könnte diese neue Welt deiner/ Ihrer Meinung nach aussehen? Was wünschst du dir persönlich für ein besseres Morgen?

SG:

Gestern war noch besser als Morgen. Ich sehe den Schritt in die Zukunft unter Einbezug der Reparatur, des Respekts, der Einfühlung und Demut. Ich habe den Wunsch nach dreidimensionalem Innehalten.

MS:

Es wird oft gesagt, eine besondere Fähigkeit von Künstler:innen und Kreativen sei es, unerschrocken Neues zu wagen und immer wieder auf einem weißen Stück Papier ganz von vorne zu beginnen. Welche Strategien oder Rituale nutzt du persönlich, um mit einem neuen Projekt zu beginnen?

SG:

Das weiße Papier hat bereits eine Geschichte. Halbwacher Zustand, Erschütterung meiner Gewohnheit, Grüner Tee, Schlafen, Körpertechniken, konsequentes Nichtstun, Tanzen und Schwimmen. Seismographisches Herumstehen, sichtbares Verschwinden, intuitive Selbstverständlichkeit von Handlungen, träumendes Denken mit erhöhter Aufmerksamkeit.

The interview was conducted in June 2021

http://www.stella-geppert.de/

en

 

The body’s sensory ability to “think its way into” space as well as into other bodies, materials, substances, and matter is an important aspect of Stella Geppert’s oeuvre which is connected to sculpture, drawing, and performances and interventions in public space. Physical techniques, which work with the body’s intelligence, are intertwined with communicative interaction of bodies in space and “relational investigation”. She holds a lectureship in „concepts for body and space“ and „experimental sculpture“ at the University of Art and Design in Halle (Saale), Germany. She is currently researching the empathic aspect in art as part of "Routes Of Empathy".

MADELEINE SCHWINGE:

Can art and culture promote social change and what role could artists and their work play in particular? Could one even speak of a leading role?

STELLA GEPPERT:

Yes, art and culture can promote social change, but it depends entirely on the awareness of everyone involved. Art and culture are like planets in space, where different substances wrestle with each other to be brought into form.

Art is an instrument of expression with heightened awareness of social interrelations of an existential nature. As a creator of art, I see it as my responsibility to handle this artistic power with care and responsibility. As an artist I share. I share. Sharing does not work alone and only makes sense if others also share. If the artwork or performance succeeds in initiating an expanded view and collective feeling, then something like a kind of orbit is created to which we can dock again and again. It tells me about the urgent need for the expression of life in its time. Every expression is followed by an impression. In the most beautiful case without a name and simply through a sensual imprint and a feeling in an immediate way.

I would not like to assign a leading role to art and the work of art, but would like to understand it as something that is to be formed again and again, that pushes for embodiment through participatory consciousness. This collectively experienced embodiment in the experience of art promotes change. There is an intelligence of perception of art far removed from common mechanisms of reception, representation and marketing.

 

 

MS:

In view of the radical changes and crises that characterise our epoch, can we even dare to hope for a better future? And what effect could 'narrative' have on the active shaping of the future?

SG:

We live in an extremely urgent time to act, and we must think of those who will live on the planet after us.

I think it is a quality of artistic creation to have the courage to keep rebuilding and to practice tolerance of ambiguity without losing hope. Therein lies the ability to look "backwards and forwards" in the same way, both concretely and figuratively. Ultimately, "future" is an "always now" that is supported by the empathic ability to look far into the past. Within this shimmering vibration between times, a narrative emerges that can only be deciphered collectively.

MS:

What impulses could emerge from a transdisciplinary dialogue between art, culture and other disciplines that would have the power to promote social change? Which experts and disciplines could be fruitful for your work?

SG:

We would make a real leap in linking sciences and cultures if we continue to break down knowledge hierarchies and value chains. Astronaut, archaeologist, physicist, marine biologist.

MS:

Assuming we succeed in building a better world on the ruins of the old one - what do you think this new world could look like? What do you personally want for a better tomorrow?

SG:

Yesterday was even better than tomorrow. I see the step into the future involving repair, respect, empathy and humility. I have a desire for three-dimensional pausing.

MS:

It is often said that a special ability of artists and creatives is to fearlessly dare to do something new and to always start from scratch on a blank piece of paper. What strategies or rituals do you personally use to start a new project?

SG:

The white paper already has a history. Half-awake state, shaking my habit, green tea, sleeping, body techniques, consistently doing nothing, dancing and swimming. Seismographic standing around, visible disappearance, intuitive self-evidence of actions, dreaming thinking with heightened attention.

The interview was conducted in June 2021

http://www.stella-geppert.de/