Anja Gröschel

'Visionary narratives are developed that serve as a target horizon(Anja Gröschel)

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Anja Gröschel ...

MADELEINE SCHWINGE:

Kann Kunst und Kultur gesellschaftlichen Wandel fördern und welche Rolle könnten dabei insbesondere Künstler und ihr Werk einnehmen? Könnte man sogar von einer führenden Rolle sprechen?

ANJA GRÖSCHEL: 

Muss Kunst das leisten? Ist das nicht ein berechtigter Anspruch an Kultur? 

Kunst und Kultur entstehen zu einer bestimmten Zeit, werden gestaltet von Menschen, die ihre (kulturellen) Erfahrungen sowie bewusst und unbewusst geformten Sichtweisen mit sich herumtragen und Visionen basierend auf diesen entwickelt haben. Insofern reflektiert Kunst und Kultur bestenfalls Zeitgeschehen - und das auch nur subjektiv. 

Manchmal spiegeln Kunstwerke es aber auch „einfach nur“ technische Möglichkeiten in Medien wie Fotografie und Malerei wider oder Künstler kreieren neue Kunstwerke in neuen Medien wie VR. 

Ich meine allerdings immer weniger Kunst zu sehen, die eine für mich inspirierende Reflexion der aktuellen Zeit vornimmt. Dabei gäbe es so viele Themen. Jegliche Form von Reflexion setzt unvoreingenommenes, unkategorisierendes, bewusstseinerweiterndes Zuhören, Hinsehen, Vergleichen voraus. Vielleicht ist das auch gerade aus der Zeit gefallen?

Was Kultur anbelangt… Musik, Literatur, Tanz, Theater… so finde ich da oft Impulse. An vielen Stellen aber auch zu wenige und kaum wirklich neue Fragen stellend.

Würde ich mir wünschen, dass gesellschaftlicher Wandel durch Künstler befördert würde? Würde ich mir sogar eine führende Rolle von Künstlern wünschen? 

An vielen Stellen fehlt an an neuen Antworten, neue Menschenbilder, einen Paradigmenwechsel. Ich denke nicht, dass Künstler dies leisten können …und sollten. Sie können Sparringspartner bei Reflexionsprozessen sein, Provokateure, Hinweisschilder, Verführer durch Schönheit, Vermittler über Kulturen hinweg, sprachliche Vermittler an Stellen wo es keine global verständlichen Worte gibt. 

Für den Wandel braucht es Denker.

MS:

Angesichts der radikalen Veränderungen und Krisen, die unsere Epoche prägen, dürfen wir es da überhaupt wagen, auf eine bessere Zukunft zu hoffen? Und welche Wirkkraft könnte „Erzählung“ für die aktive Gestaltung von Zukunft entfalten?

AG:

Wir dürfen nicht auf eine bessere Zukunft hoffen!, wir müssen diese aktiv gestalten. Veränderungen gab es immer in der Menschheitsgeschichte. Auch große Veränderungen und Krisen. Sicherlich hat die Industrialisierung und jetzt noch die technologische Revolution sehr vieles beschleunigt und verstärkt zusätzlich schon immer dagewesene Konflikte. 

Erzählungen können einen Beitrag leisten. Einerseits, wenn wir uns geschichtshistorische Erzählungen vor Augen führen und daraus lernen. Andererseits, wenn neue, visionäre Erzählungen entwickelt werden, die als Zielhorizont dienen.

MS:

Welche Impulse könnten aus einem transdiziplinären Dialog zwischen Kunst, Kultur und Fachgebieten hervorgehen, die die Kraft hätten, gesellschaftlichen Wandel zu fördern? Welche Experten und Disziplinen könnten für deine Arbeit fruchtbar sein?

AG:

Literatur, Mode, Theater, Musik haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie kulturellen Wandel stützen können. Für mich selbst sind Philosophen, Literaten und bildende Künstler befruchtende Impulsgeber.

MS:

Angenommen es gelänge, eine bessere Welt auf den Ruinen der alten aufzubauen - wie könnte diese neue Welt deiner/ Ihrer Meinung nach aussehen? Was wünscht du dir/ wünschen Sie sich persönlich für ein besseres Morgen? 

AG:

Grundlage für eine bessere Welt ist aus meiner Sicht ein neues humanistisches Weltbild, das alle Kulturen teilen. Keine abgrenzenden Religionen, Kulturen, die nicht gleichdenkende, gleichaussehende und -seiende ablehnen, abwerten, ausbeuten. Ich denke nicht, dass es jemals soweit kommen wird. Obwohl wir in einer Zeit leben, die es möglich machen könnte, dass weltweit alle Menschen friedlich und auf einem guten Niveau leben könnten, ist es mit den vorherrschenden Denkstrukturen nicht möglich. 

Ich wünsche mir für die Zukunft, dass es zu einer Veränderung des bisherigen Wertekanon in den westlichen Gesellschaften kommt. Dass der Mensch und seine persönlichen Entfaltungs- und permanenten Entwicklungsmöglichkeiten im Rahmen einer funktionierenden Gemeinschaft relevanter werden und der Mensch sich dabei selbst als winziger Teil der Um/Welt versteht, die es zu schützen gilt.  

 

 

MS:

Es wird oft gesagt, eine besondere Fähigkeit von Künstler*innen und Kreativen sei es, unerschrocken Neues zu wagen und immer wieder auf einem weißen Stück Papier ganz von vorne zu beginnen. Welche Strategien oder Rituale nutzt du/ nutzen SIe persönlich, um mit einem neuen Projekt zu beginnen? 

AG:

Ich bin ein sehr neugieriger und kreativer Mensch. Mir fallen eigentlich ständig neue Ideen, Projekte, Produkte, Konzepte ein. Entscheidend für mich, ob ich diese Ideen auch tatsächlich real umsetze, ist meine Leidenschaft für das Projekt/die Idee. Wenn ich die Idee lange genug mit mir herumtrage, so dass ich mich an den Realitätscheck setze, dann bin ich schon auf einen guten Weg zur Umsetzung. Früher habe ich auch Projekte begonnen ohne sie einem Realitätscheck zu unterziehen. Das ging mit viel Energie am Ende auch immer irgendwie, aber jetzt ist es Teil meines Umsetzungsprozesses. Dann spreche ich mit Menschen, die ich sehr schätze, über die Idee. Vielleicht wird sie dadurch noch größer, bekommt eine weitere Facette, ich finde gar einen Mitstreiter für die Umsetzung. Und last but not least frage ich mich sehr ehrlich was meine Motivation ist, dieses Projekt jetzt zu machen. Ich habe für mich habe gute und schlechte Motivatoren identifiziert. Wenn ich dann noch immer voller Leidenschaft und Überzeugung bin, heißt es „Los gehts!“

Das Interview wurde im Juli 2021 geführt.

MADELEINE SCHWINGE:

Can art and culture promote social change and what role could artists and their work in particular play in this? Could one even speak of a leading role?

ANJA GRÖSCHEL: 

Does art have to do that? Isn't that a justified claim for culture? 

Art and culture come into being at a certain time, are shaped by people who carry their (cultural) experiences and consciously and unconsciously formed views with them and have developed visions based on them. In this respect, art and culture at best reflect contemporary events - and that only subjectively. 

Sometimes, however, works of art "simply" reflect technical possibilities in media such as photography and painting, or artists create new works of art in new media such as VR. 

However, I think I see less and less art that reflects current times in a way that is inspiring to me. Yet there are so many themes. Any form of reflection requires unbiased, uncategorising, consciousness-expanding listening, looking, comparing. Perhaps this is also just out of time?

As far as culture is concerned... music, literature, dance, theatre... I often find impulses there. But in many places there are too few of them and they don't really pose new questions.

Would I like to see social change promoted by artists? Would I even want artists to play a leading role? 

In many places there is a lack of new answers, new images of humanity, a paradigm shift. I don't think artists can do this ...and should. They can be sparring partners in reflection processes, provocateurs, signposts, seducers through beauty, mediators across cultures, linguistic mediators in places where there are no globally understandable words. 

Change needs thinkers.

MS:

In view of the radical changes and crises of our epoch, can we even dare to hope for a better future? What effect could "narrative" have on the active shaping of the future?

AG:

We must not hope for a better future, we must actively shape it. There have always been changes in human history. Also great changes and crises. Certainly, industrialisation and now the technological revolution have accelerated many things and also intensified conflicts that have always existed. 

Narratives can make a contribution. On the one hand, when we look at historical narratives and learn from them. On the other hand, if new, visionary narratives are developed that serve as a target horizon.

 

MS:

What impulses could emerge from a transdisciplinary dialogue between art and disciplines to promote social change? Which disciplines could be fruitful for your work?

AG:

Literature, fashion, theatre, music have proven in the past that they can support cultural change. For myself, philosophers, writers and visual artists are fertile sources of inspiration.

 

MS:

Assuming it were possible to build a better world on the ruins of the old one, what could this new world look like? What do you wish for/desire for a better tomorrow? 

AG:

The basis for a better world, in my view, is a new humanistic worldview shared by all cultures. No delimiting religions, cultures that do not reject, devalue, exploit those who think and look alike. I don't think it will ever come to that. Although we live in a time that could make it possible for all people worldwide to live peacefully and on a good level, it is not possible with the prevailing thought structures. 

My wish for the future is that there will be a change in the previous canon of values in Western societies. That the human being and his or her personal development and permanent development possibilities become more relevant within the framework of a functioning community and that the human being understands himself or herself as a tiny part of the environment/world that needs to be protected.  

 

 

MS:

It is often said that a special ability of artists is to fearlessly dare to start from scratch on a blank piece of paper. What strategies or rituals do you personally use to start a new project? 

AG:

I am a very curious and creative person. I am constantly coming up with new ideas, projects, products and concepts. The decisive factor for me in actually implementing these ideas is my passion for the project/the idea. If I carry the idea around with me long enough to do a reality check, then I'm already well on the way to implementation. In the past, I also started projects without subjecting them to a reality check. That always worked out somehow with a lot of energy in the end, but now it is part of my implementation process. Then I talk about the idea with people I really appreciate. Maybe it becomes even bigger, gets another facet, I even find a comrade-in-arms for the implementation. And last but not least, I ask myself very honestly what my motivation is to do this project now. I have identified good and bad motivators for myself. If I am then still full of passion and conviction, it is "Let's go!"

The interview was conducted in July 2021