Barbara Green

'In der Krise ist Kunst unentbehrlich.'
(Barbara Green)

Barbara Green
Barbara Green

Photo: Meike Kenn

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Barbara Green-2021
Barbara Green-2021

Studiovisit zum Buchprojekt von Barbara Green und Meike Kenn Foto

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Barbara Green-2020
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Ausstellungsansicht contemplatio 2020 Foto Adam Naparty

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Barbara Green
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Photo: Meike Kenn

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Barbara Green is a Cultural manager and freelance curator. 

She holds a Master in Cultural Management and a degree in Art History and Archaeology. When devising the concept for exhibitions, she questions how contemporary artists respond to current social issues, taking political, economic and social issues into account. She creates custom-tailored PR concepts and advise on questions of content, working for museums, art associations, foundations, galleries, biennials and artists. She also reports on art fairs and conduct interviews for various online magazines.

 

She has notably worked with Goldrausch Künstlerinnenprojekt, Haus am Waldsee, ART SPACE Shangai, 56th Biennale di Venezia 2013/15, Egle Otto, UDK Berlin, Martin-Gropius-Bau, and ARTBerlin.

MADELEINE SCHWINGE:

Können Kunst und Kultur gesellschaftlichen Wandel fördern und welche Rolle könnten dabei insbesondere Künstler*innen und ihr Werk einnehmen? Könnte man sogar von einer führenden Rolle sprechen?

BARBARA GREEN: 

Kunst ist Teil unserer Gesellschaft und beeinflusst diese zwangsläufig. Gleichzeitig dient sie auch als Spiegel einer Gesellschaft, sie ist eine Form der Reflexion, schafft emotionale Beziehungen. Das geschieht im Kleinen wie im Großen. In Metropolen und auf dem Land. Blickt man zurück, dann erkennt man, dass die Künste in der Menschheitsgeschichte fortlaufend eine führende Rolle übernommen haben.

 

Ich switche mal kurz durch die Zeit:
In Florenz als einer der Ursprungsorte der Renaissance fungierte Michelangelos David als Sinnbild für die damalige politische aber auch kulturelle Situation der Stadt. Der Vorherrschaft der Medici wurde zeitweilig ein Ende gesetzt und dem Sieg über den Adel und dem neu gewonnen Selbstverständnis der Bürger:innen ein Denkmal gesetzt. So hat jede Epoche ihre Kunstzentren, von denen starke Impulse ausgehen. Im geteilten Deutschland war Düsseldorf bedeutend, nicht zuletzt durch Joseph Beuys, der in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit Kunstaktionen und Happenings zum „erweiterten Kunstbegriff“ und der „sozialen Plastik“ für viele Kontroversen sorgte und damit die Gesellschaft aktiv verändern und zur Partizipation auffordern wollte. In der ehemaligen DDR waren Künstler:innen aller Sparten an der friedlichen Revolution beteiligt.

Für viele junge Mädchen und Frauen sendete Madonna in den Neunzigerjahren starke Signale, was das eigene Selbstbild betrifft. “Justify My Love” setzte 1990 dem in den Medien vorherrschenden Typ Frau, der entweder süß oder sexy zu sein hatte, eine sehr provokante Form der (sexuellen) Selbstbestimmtheit gegenüber und bricht damit normative Sehgewohnheiten auf. Der Begriff Empowerment war zu dieser

Zeit nicht gängig, ich selbst habe mich aber empowert gefühlt.

Ein anderes Video von Madonna, „Like a Prayer“, wendete sich 1989 gegen Rassismus und zeigt einen schwarzen Jesus und brennende Kreuze. Die katholische Kirche rief daraufhin zum Boykott der Musikerin auf, Pepsi kündigt den Werbevertrag – doch 2005 wählten MTV Zuschauer den Clip zum "bahnbrechendsten Musikvideo aller Zeiten". Ein Signal, dass sich die Message von Künstler:innen gegen jegliche Widrigkeiten und Machtverhältnisse durchsetzen kann.

Um zurück auf Eure Frage zu kommen: Hat Kunst gesellschaftsveränderndes Potenzial? Auf jeden Fall.

 

 

MS:

Welche aktuellen Bezüge zeigen, dass Kunst und Kultur gesellschaftlichen Wandel fördern, und unterstreichen die Rolle von Künstlerinnen und Künstlern und ihren Werken?

BG:

​Die Umwidmung der Hagia Sofia im vergangenem Jahr ist ein symbolpolitischer Akt des Erdogan-Regimes, die einen gesellschaftlichen Wandel in der Türkei repräsentiert. Religiöser Mittelpunkt der griechisch- orthodoxen Kirche, römisch-katholische Kathedrale, Moschee, Museum und nun wieder Moschee; ein Konglomerat byzantinischer, christlicher und muslimischer (Kunst-)Geschichte unter einem Dach. Hierin zeigt sich, dass Kunst als Symbol und Werkzeug eine sehr wirkmächtige Rolle einnehmen kann.

Bei uns in Deutschland steht das Berliner Kollektiv „Zentrum für politische Schönheit“ wiederholt in den Medien. Mit ihren Aktionen prangern die Aktivisten vor allem Genozid, Flüchtlingspolitik und politische Untätigkeit an und sorgen in der Bevölkerung für viel Diskussionsstoff.

Lange wurden Künstler:innen mit körperlichen Einschränkungen oder mit psychischen Erkrankungen vom Kunstmarkt ausgegrenzt, dies ändert sich gerade, allerdings sehr langsam. Das Thema psychische Gesundheit liegt vielen Kreativen am Herzen, doch ist es schwer, damit auf dem Kunstmarkt Fuß zu fassen – die darstellende Kunst ist da fortschrittlicher.

Weltweit spielt #MeToo weiterhin eine sehr wichtige Rolle, angestoßen von der Aktivistin Tarana Burke im Jahr 2006 sollte das Bewusstsein für sexuelle Gewalt afroamerikanischen Frauen zeigen, dass sie mit derartigen Erfahrungen nicht allein waren. Erst 2017 wurde der Hashtag durch die weiße Schauspielerin Alyssa Milano populär und erreicht durch die Verbreitung auf Social-Media-Kanälen, wie Instagram und Twitter, eine gesellschaftsverändernde Durchschlagskraft. Wie man aktuell am Beispiel der Berliner Volksbühne und an den Vorwürfen gegenüber einigen Kunstakademien sieht, hat sich das System sexualisierter Gewalt noch nicht auschlaggebend verändert, da muss man dranbleiben.

Ich bin sehr froh über die Vielzahl an wunderbaren weiblichen und/oder nicht auf eine traditionelle Geschlechterrolle festgeschriebenen Idolen wie: Tracey Emin, Juliana Huxtable, Christine Sun Kim, Yayoi Kusama,Salacia Tourmaline, Shirin Neshat, Pussy Riot, Adrian Piper, Sophia Süßmilch, EVA & ADELE sowie das Künstlerduo Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl und viele, viele mehr. Der Wandel besteht darin, dass patriarchale Strukturen, die sich fest eingegraben haben, aufgebrochen werden und sich die Welt diverser präsentiert, auch wenn einige noch durchs Raster fallen.

MS:

Angesichts der radikalen Veränderungen und Krisen, die unsere Epoche prägen, dürfen wir es da überhaupt wagen, auf eine bessere Zukunft zu hoffen? Und welche Wirkkraft könnte ‚Erzählung’ für die aktive Gestaltung von Zukunft entfalten?

BG: 

Erzählungen sind global und Bestandteil der menschlichen Kommunikation, es gibt keine Kultur ohne Geschichten und Sagen. Wir wachsen damit auf, geben sie weiter an unsere Nachfahren, ziehen daraus Weisheiten und Erfahrungen oder stellen diese in Frage. Um die Bildgeschichten alter Meister zu lesen, mussten die Betrachter die abgebildeten Erzählungen über Märtyrer:innen, Held:innen, Kriege und Geschichten aus der Bibel entweder kennen – was für eine gebildete Minderheit galt - oder die vorherrschende Mehrheit der analphabetischen Bevölkerung wurde durch das Illustrative an diese Erzählungen herangeführt. Manipulation und die Verbreitung von Ängsten waren an der Tagesordnung. Heutzutage wird beispielsweise über Fake News oder „alternative Fakten“ versucht, die Menschen zu manipulieren. Zeitgenössische Künstler:innen bedienen sich oft am historischen Repertoire von Erzählungen, erfinden Geschichten neu, schreiben sie um, irritieren und schockieren, holen uns Menschen aus unseren gewohnten Denkmustern, unserer Komfortzone. Wie so eine Umschreibung von Erzählung funktionieren kann, zeigt die Malerei „ Pandora und Kassandra vom Fluch befreien“ von Eglė Otto, welche wir letztes Jahr im Berliner Tacheles gezeigt haben. Frauen werden hier entmystifiziert und entdämonisiert.

In der Krise ist Kunst unentbehrlich. Künstler:innen beziehen Position, wenn die Gesellschaft herausgefordert ist. Wir sind mitten im Wandel vom Homogenen ins Heterogene und ich bin glücklich darüber, diesen mit zu erleben und durch die Ausstellungen, die ich organisiere, auch aktiv mitgestalten zu können. Es gibt eine Fülle von spannenden Projekten, die gute Angebote liefern in einen Diskus zu gehen. Kunst muss Menschen erreichen. Deswegen ist es unabdingbar, dass Kunst raus auf die Straße geht und auch an kunstfernen Orten die Möglichkeit der Teilhabe bietet. Die Welt begehrt momentan gegen den eurozentrischen-patriarchalen Blick auf, der so lange dominant war. Gruppen, die lange ausgeschlossen wurden, erleben nun eine Selbstermächtigung, in der sie ihre eigenen Geschichten selbst erzählen und nicht erzählen lassen. Ich empfinde das als wahnsinnig bereichernd, da es unsere Welt integrativer macht.

 

MS:

Welche Impulse könnten aus einem transdiziplinären Dialog zwischen Kunst, Kultur und anderen Fachgebieten hervorgehen, die die Kraft hätten, gesellschaftlichen Wandel zu fördern? Welche Expert*innen und Disziplinen könnten für deine Arbeit fruchtbar sein?

BG:

Bei der Ausstellungskonzeption interessieren mich die Reaktionen zeitgenössischer Künstler:innen auf aktuelle gesellschaftliche Fragen unter Berücksichtigung politischer, wirtschaftlicher und sozialer Verhältnisse. Themen, die mir besonders am Herzen liegen, sind Sichtbarkeit und Stärkung von Frauen im Kunstmarkt sowie Nachhaltigkeit und Ökologie. Ich bin bereits bei allen Projekten im Austausch mit Expert:innen anderer Disziplinen und das erweist sich immer als äußert fruchtbar. Dadurch werden auch Bereiche beleuchtet, denen man aus künstlerischer Perspektive weniger Aufmerksamkeit schenkt. Das sind beispielweise Stadtentwicklung, Philosophie, Ökonomie, Politik, Geschlechterforschung und viele mehr. Fachleute aus diesen Bereichen tragen Texte zu Publikationen bei, nehmen an Podiumsdiskussionen teil oder bieten interdisziplinäre Veranstaltungen an und fördern damit – in Zusammenarbeit mit Kunstschaffenden – starke Impulse für einen gesellschaftlichen Wandel.

MS:

Angenommen, es gelänge eine bessere Welt auf den Ruinen der alten aufzubauen - wie könnte diese neue Welt deiner Meinung nach aussehen? Was wünscht du dir persönlich für ein besseres Morgen?

BG:

Wenn mit alten Ruinen die eurozentristische, weiße Welt gemeint ist, die immer noch über nicht- männliche Körper bestimmt und über andere herrschen will, dann muss eine Umverteilung stattfinden, in den Machtverhältnissen, in den veralteten Strukturen, in den Institutionen, in den Köpfen.

Meine Wunschliste würde den Rahmen sprengen, deswegen breche ich es mal auf einige Zeilen runter: Mehr Kooperation als Konkurrenz, weniger kommerzielles Denken, mehr Dialog, Zivilcourage, Mut und Risikobereitschaft. Man muss hinsehen und mitdenken wollen, um etwas zu verändern oder zu verbessern. Die Gesellschaft steht in der Pflicht, Strukturen zu verändern. Wenn wir das tun, bin ich zuversichtlich.

MS:

Es wird oft gesagt, eine besondere Fähigkeit von Künstler*innen und Kreativen sei es, unerschrocken Neues zu wagen und immer wieder auf einem weißen Blatt Papier ganz von vorne zu beginnen. Welche Strategien oder Rituale nutzt du persönlich, um mit einem neuen Projekt zu beginnen?

BG:

Es stimmt, dass Kunstschaffenden von jeher eine visionäre Kraft zugeschrieben wird, die uns zu einem veränderten Blick auf unsere Wirklichkeit auffordert. Bei mir läuft das allerdings meist weniger kreativ ab. Ich muss in meiner kuratorischen - vor allem zu Beginn eines Projekts - sehr planvoll und organisiert arbeiten, während ich gleichzeitig in den Genuss von ganz vielen anregenden Ideen, inspirierenden Kunstwerken und Diskursen komme und in die Recherche gehe.

The interview was conducted in June 2021

https://www.barbaragreen-artsmanagement.com/barbaragreen